Entscheidungsstress. Ein Kampf, den wir Synthesisten bis ans Ende unserer Tage ausfechten müssen. Überwältigt werden wir von diesen großartigen Geräten und ihren vielen Drehreglern, Knöpfen, Schiebereglern und Schaltern, die alle gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit wetteifern.
Wie also verhindern wir, dass wir in den dunklen Tunnel des Trial‑and‑Error‑Wahnsinns abrutschen? Nun, zunächst einmal sollten wir uns nicht fragen:
„Welchen Regler sollte ich als Nächstes drehen?"
Stattdessen sollten wir uns fragen:
„Was für einen Sound will ich eigentlich kreieren?"
Und DANN:
„Welche Regler muss ich einstellen, um diesen Sound zu bekommen?"
Hier kommt die Synth‑Patch‑Checkliste ins Spiel. 12 Klangmerkmale, die dich durch die trüben Gewässer der Sound‑zu‑Patch‑Übersetzung führen.
1. Wellenform: Sägezahn oder etwas anderes
Die Wellenform ist das Rohmaterial, aus dem wir unseren Sound formen. Aber welche Wellenform solltest du wählen?
- Sägezahn. Der Sägezahn ist unser Allzweck‑Arbeitstier. Ein „klassischer" Synth‑Sound, der in den meisten Situationen funktioniert. Im Zweifel: Sägezahn ist deine erste Wahl. Keine besonderen Ansprüche? Sägezahn passt immer. Wenn du aber etwas anderes willst …
- Etwas anderes. Deine weiteren Optionen hängen stark von deinem Synth ab. Mindestens hast du wahrscheinlich Puls, Dreieck und Sinus zur Verfügung. Heutzutage hast du aber meist noch viel mehr Auswahl. Also durchstöbere ruhig die Optionen, bis du eine findest, die dich anspricht. Falls du noch unsicher bist, helfen dir die nächsten Punkte auf der Checkliste bei der Entscheidung.
2. Kantig oder rund bzw. hell oder dunkel
- Wellenform. Manche sind hell und kantig, andere dunkel und rund. Zum Beispiel sind Sägezahn und Puls hell und kantig, während Dreieck und Sinus dunkler und runder klingen. Aber bedenke: Die hellen Wellenformen geben dem Rest deines Synths mehr Material zum Arbeiten. Du magst vielleicht die Sinuswelle lieben, aber viele andere Parameter deines Synths werden kaum Einfluss darauf haben. Und vielleicht liebst du den Charakter einer hellen Wellenform, wünschst dir aber, sie wäre runder. Das bringt uns zu …
- Tiefpass‑Filter. Wenn du eine helle Wellenform voller Mitten und Höhen gewählt hast, kannst du den Cutoff‑Drehregler des Tiefpass‑Filters nutzen, um sie zu formen. Drehe ihn runter, um den Sound dunkler und runder zu machen, drehe ihn hoch für mehr Helligkeit und Kantigkeit.
3. Dick oder dünn
- Wellenform. Wenn du eine Pulswelle als Sound gewählt hast, bestimmt der Pulsbreiten‑Regler, wie dick oder dünn sie klingt. Rechteck gibt dir den vollsten Sound, aber sobald du die Pulsbreite vom Rechteck wegdrehst, wird der Klang dünner. Falls dein Synth neben den Standard‑Wellenformen (Sägezahn/Puls/Dreieck/Sinus) noch weitere bietet, probiere sie durch und achte auf die unterschiedlichen Klangschweren, bis du die findest, die dir die gewünschte Fülle gibt.
- Filter‑Resonanz. Das ist knifflig, denn die Auswirkung auf die Dicke deines Sounds hängt vom Cutoff des Tiefpass‑Filters ab. Wenn du die Resonanz bei hohen Cutoff‑Werten erhöhst, wirkt das verengend und ausdünnend. Umgekehrt gilt: Bei niedrigem Cutoff betont Resonanz die Tiefen oder unteren Mitten und verleiht deinem Sound mehr Wucht.
- Oszillatoren verstimmen. Zwei oder mehr identische Oszillatoren (gleiche Wellenformen und Tonhöhe) leicht gegeneinander zu verstimmen ist eine klassische und bewährte Methode, um deinem Sound mehr Dicke zu verleihen. Aber beachte: Es entsteht auch ein pulsierender Effekt. Das klingt meistens schön, kann aber ein Nebeneffekt sein, den du nicht beabsichtigt hast. Je mehr Oszillatoren du verwendest, desto größer und dicker (und wirbelnder) wird das Ergebnis.
4. Sauber oder schmutzig
- Verzerrung. Der gängigste Weg, deinem Sound etwas Schmutz hinzuzufügen, ist Verzerrung. Diese erreichst du normalerweise mit einem Distortion‑, Overdrive‑ oder Amp‑Simulator‑Effekt. Aber dein Synth bietet möglicherweise auch die Option, dein Filter zu übersteuern. Das kann manchmal schönere Ergebnisse liefern, da die Verzerrung vor allen Modulationen angewendet wird und so zu einem konsistenteren Drive führt. Wie auch immer du vorgehst: Denk dran, dass weniger oft mehr ist. Manchmal reicht schon ein Hauch, um deinem Patch eine subtile Kante zu geben, die es von blitzsauber zu leicht ungezogen verwandelt.
- Rauschen. Anders als Verzerrung – nutze Rauschen, um deinem Sound eine TV‑Rausch‑Schicht überzulegen.
- Oszillator‑Modulation. Hard Sync, Ringmodulation und FM lassen sich alle so programmieren, dass sie dreckige Klänge erzeugen. Sync gibt dir einen „knirschenden" Ton, während Ringmodulation und FM kantige, metallische Klänge erzeugen können. Diese sind manchmal knifflig zu programmieren, können aber schöne aggressive Ergebnisse liefern.
- Wellenform. Falls du einen Synth mit vielen Wellenformen verwendest, gehe die Liste durch und schau, ob es Wellenformen gibt, die schon von sich aus schmutzig klingen.
5. Hart oder weich
- Attack. Einer der größten Einflussfaktoren auf die Aggressivität deines Sounds ist sein Attack, also was am Anfang jeder Note passiert. Die Hüllkurven bestimmen dieses Verhalten. Für weichere Attacks verwendest du längere Attack‑Phasen bei deiner Amplituden‑ und/oder Filter‑Hüllkurve. Das lässt den Sound sanft einsetzen und verleiht ihm einen weicheren Charakter. Für härtere Attacks stellst du den Attack der Hüllkurve auf null, senkst das Sustain und setzt einen kurzen Decay. Das erzeugt eine „Spitze" am Anfang deines Sounds, die als Attack‑Transient bekannt ist. Du kannst das mit der Amplituden‑ und/oder Filter‑Hüllkurve machen. Du kannst es auch mit einer Pitch‑Hüllkurve versuchen, um einen richtig aggressiven Attack‑Transient zu erzeugen.
- Kantig oder dunkel. Helle und kantige Sounds wirken tendenziell aggressiver, während dunklere und rundere einen weicheren Charakter haben. Schau nochmal bei Punkt 2 nach, um mehr darüber zu erfahren.
- Starkes Verstimmen. Wie wir bei Punkt 3 erwähnt haben, ist das Duplizieren und Verstimmen deiner Oszillatoren eine tolle Methode, um deinen Sound zu verdicken. Wenn du noch einen Schritt weitergehst und die Oszillatoren so stark gegeneinander verstimmst, dass sie fast schon verstimmt klingen, kannst du einen Sound erzeugen, der so wütend ist, dass er einen Therapeuten braucht.
- Oszillator‑Modulation. FM und Ringmodulation eignen sich hervorragend, um metallische Klänge zu erzeugen. Je nachdem, wie stark du sie einsetzt, kann diese metallische Textur deinem Sound eine harte Kante verleihen.
6. Hoch oder tief (vertikal)
- Oszillatoren stapeln. Indem du einen zweiten Oszillator mit derselben Wellenform nimmst und ihn eine oder zwei Oktaven höher stimmst, verleihst du deinem Sound Höhe. Das erlaubt ihm, mehr vertikalen Raum in deinem Mix einzunehmen – aber pass auf, dass er nicht mit einem anderen Sound kollidiert. Außerdem wird das deinen Sound heller machen. Und wenn du mutig bist, kannst du experimentieren und für den höheren Oszillator eine andere Wellenform verwenden.
7. Schwer oder leicht
- Suboszillator. Indem du einen zusätzlichen Oszillator eine oder zwei Oktaven unter dem ersten hinzufügst, verleihst du deinem Sound ordentlich Gewicht. Rechteck erzeugt einen schön soliden und aggressiven Tieftonbereich, während Dreieck dir einen runderen Tieftonbereich gibt. Bedenke, dass du manchmal die Lautstärke dieses Suboszillators niedrig halten solltest, um nur einen Hauch Gewicht hinzuzufügen, falls dein Sound etwas zu leicht wirkt. Der Suboszillator muss also nicht die gleiche Lautstärke haben wie dein Hauptoszillator.
- Hochpass‑ und Bandpass‑Filter. Wenn du deinen Sound leichter machen willst, entferne einfach etwas Tieftonanteil. Je mehr Tiefen weg sind, desto leichter der Sound. Dafür können wir ein Hochpass‑ oder Bandpass‑Filter nutzen. Der Hauptunterschied: Der Hochpass schneidet NUR Tiefen ab, während der Bandpass Tiefen UND Höhen abschneidet. Wenn dein Sound also leicht und rund sein soll, nimm den Bandpass. Wenn du einen hellen, knisternden Sound willst, nimm den Hochpass.
8. Lang oder kurz
- Amplituden‑Hüllkurve. Wie lange soll der Patch klingen, während du eine Taste gedrückt hältst? Soll er auf voller Lautstärke bleiben, langsam ausblenden oder schnell abfallen, um eine kurze Staccato‑Note zu erzeugen? Und wenn du die Taste loslässt – soll der Sound sofort abgeschnitten werden, kurz ausblenden oder lang ausblenden?
9. Bewegung
Wenn dein Sound statisch und unverändert bleiben soll, brauchst du dir um Bewegung keine Gedanken zu machen. Allerdings verhält sich kein Sound in der realen Welt so. Jeder Sound verändert sich – ob offensichtlich oder subtil. Für viele Hörer kann ein unveränderter Sound daher etwas beunruhigend wirken. Um Bewegung hinzuzufügen …
- Oszillatoren verstimmen. Wie bereits erwähnt, verleiht das Duplizieren und Verstimmen von Oszillatoren deinem Sound eine pulsierende Bewegung. Es macht ihn aber auch dicker – falls du also nur Bewegung ohne zusätzliche Dicke willst …
- Filter‑Hüllkurve. Bei den meisten Instrumenten verändert sich die Helligkeit über die Länge einer Note. Wenn du beispielsweise eine Klaviertaste gedrückt hältst, wird der Klang subtil dunkler, je länger du sie hältst. Oder wenn du eine Saite zupfst, ist der Attack sehr hell, wird aber dunkler, während der Klang nachklingt. Etwas Cutoff‑Bewegung hinzuzufügen kann also eine sehr „natürliche" Form von Bewegung erzeugen.
- LFO. Das eignet sich hervorragend für wiederholende Bewegung. Je nach Synth kannst du LFOs für unzählige gängige Bewegungseffekte nutzen. Moduliere die Tonhöhe für Vibrato. Moduliere die Lautstärke für Tremolo. Wenn du eine Puls‑Wellenform verwendest, moduliere ihre Pulsbreite. Hier gibt es viele Möglichkeiten.
- Modulationseffekte. Das ist wahrscheinlich der einfachste Weg, Bewegung hinzuzufügen. Nimm einen Chorus, Phaser oder Flanger, leg ihn drauf und tweake nach Geschmack.
- Delay‑Effekt. Wenn du deinen Patch deutlich hörbar durch ein Delay schickst, entstehen hörbare Echos, die um deinen Sound herum springen. Aber sei vorsichtig. Wenn die Delays so deutlich zu hören sind, können sie leicht mit anderen Instrumenten kollidieren – wähle also Delay‑Zeit und Feedback mit Bedacht.
10. Raum
- Reverb. Willst du einen trockenen Sound oder soll dein Patch klingen, als wäre er in einem Raum? Nutze Reverb, um ihn in ein Studio, einen Club, eine Konzerthalle usw. zu versetzen. Aber übertreibe es nicht. Reverb kann viel Platz im Mix einnehmen. Eines meiner Lieblingsdinge ist es, nur ein bisschen Small‑Room‑Reverb auf meinen Sound zu legen. Synths können im Vergleich zu anderen akustischen Instrumenten sehr trocken klingen, und das fügt ein wenig Leben und Raum hinzu, damit er richtig zur Geltung kommt.
- Delay. Ich habe Delay bereits als Bewegungserzeuger erwähnt. Drehe den Mix runter, sodass die Echos weniger auffallen – dann entsteht eher ein Raumeindruck statt Bewegung. Ein beliebter Trick, bekannt als Slapback‑Delay, besteht darin, das Feedback des Delays so weit herunterzudrehen, dass nur ein Echo entsteht, und dann den Mix so einzustellen, dass du das Echo hören kannst, aber nicht überwältigend. Wie ein kleiner Reverb kann das ein bisschen Raum und Leben hinzufügen und deinen Sound zum Leben erwecken.
- Stereobreite. Raum hat nicht nur mit dem „Raum" zu tun, in dem er sich befindet, sondern auch mit der Breite deines Sounds im Stereofeld. Unison‑Effekte haben oft eine „Breiten"‑Option, mit der du deinen Sound ausbreiten kannst. Auch Stereo‑Chorus und Stereo‑Phaser füllen die linken und rechten Lautsprecher. Hier kann man leicht übertreiben, da diese großen, vollen Breiten oft süchtig machen – sei also vorsichtig.
11. Vorhersehbar oder zufällig
Standardmäßig ist ein Synth sehr vorhersehbar. Es ist eine Maschine, die genau das tut, was wir ihr programmieren. Aber was, wenn wir etwas Zufälligkeit in die Gleichung bringen wollen? Wie können wir ein menschliches Element einbringen, das ihn weniger künstlich macht?
- Anschlagstärke. Routen die Anschlagstärke auf die Lautstärke, den Filter‑Cutoff oder die Filter‑Hüllkurven‑Intensität, und jede Taste, die du drückst, wird etwas anders sein als die davor und danach. Das ist mit Abstand der beste Weg, um die menschliche Note in deinen Patch einzubringen.
- S&H. Dein LFO hat höchstwahrscheinlich eine S&H‑Option (Sample & Hold), die eine zufällige Modulation erzeugt. Allerdings kann es sich trotzdem vorhersehbar anfühlen, da es sich in gleichmäßigen rhythmischen Intervallen ändert. Falls dein Synth ein „glattes" S&H bietet, nutze das, um eine weniger starre Zufälligkeit zu erzeugen. Du kannst noch einen Schritt weiter gehen, indem du einen zweiten LFO verwendest, um die Rate des zufälligen LFOs zu modulieren.
- Drift. Viele analoge Synths vergangener Tage hatten die Angewohnheit, von Zeit zu Zeit leicht zu verstimmen. Dann kam die digitale Technik und behob das Problem. Für manche nahm der Verlust dieser subtilen Tonhöhenzufälligkeit aber auch einen Teil der Synth‑Seele mit. Heutzutage bieten deshalb viele Synths eine „Drift"‑ oder „Analog‑Drift"‑Option. Nutze sie, um zu beeinflussen, wie stark dein Synth verstimmt.
- Handmodulation. Je nach Synth oder MIDI‑Keyboard gibt es viele Möglichkeiten, wie du deine Hände für spontane Klangveränderungen einsetzen kannst. Modulationsrad, Pitch‑Bend‑Rad, Ribbon‑Controller, XY‑Pad – was auch immer. Wenn du dein Patch‑Design „spielst", bringst du erneut Menschlichkeit in den Roboter.
12. Das Sahnehäubchen
Wenn du deinen Patch LIEBST, ist er fertig. Wenn du ihn nur MAGST, braucht er noch etwas. Hier kommen Subtilität und Details ins Spiel – und das kann oft der kniffligste Teil sein.
- Subtile Programmierung. Dupliziere und verstimme deinen Oszillator, aber stelle den zweiten Oszillator auf eine sehr niedrige Lautstärke ein, um nur ein bisschen Bewegung hinzuzufügen. Wenn deine Resonanz auf null steht, drehe sie ein wenig auf – dein Sound kann dann etwas weniger flach und etwas ausdrucksstärker werden. Füge etwas Hüllkurven‑Modulation hinzu, aber mach die Veränderung in Lautstärke oder Helligkeit so gering, dass du sie „spürst", aber nicht leicht hörst.
- Subtile Effekte. Ein Hauch Kompression oder Limiting kann deinen Sound straffen und zusammenkleben. Ein bisschen EQ‑Absenkung oder ‑Anhebung an den richtigen Stellen kann unerwünschte Dumpfheit entfernen oder einen kleinen Funken oder Wumms hinzufügen. Ein kleiner Anteil Reverb und Delay kann etwas Raum um deinen Sound legen und ihn zum Leben erwecken. Ein bisschen Distortion/Overdrive/Sättigung kann deinem Sound einen Hauch Dreck verleihen, falls er zu sauber ist. Leichtes Chorusing/Phasing/Flanging kann eine kaum wahrnehmbare Bewegung hinzufügen, die spürbar, aber nicht hörbar ist.
Letztendlich musst du nicht jedes einzelne dieser Merkmale abhaken, wenn du einen Patch erstellst. Aber falls du dich mal uninspiriert fühlst oder nicht herausfindest, was deinem Patch fehlt, gehe die Liste durch, denke über jedes Merkmal im Kontext deines Patches nach, und hoffentlich wird dich mindestens eines davon in die richtige Richtung weisen und deinem kreativen Prozess den nötigen Anstoß geben.
Nice article ! Thanks 🙂
You’re very welcome!